Die Geschichte mit den Kellertieren

Es waren einmal zwei vorwitzige weisse Mäuse, die hatten sich zum Leidwesen der Winzer in einen Weinkeller in der Deutschschweiz verirrt. Inzwischen kamen Katze, Hund, Krähe, Fuchs, Dachs und sogar ein Krokodil dazu, das (scheinbar) fast alle anderen gierig verschlang. Doch damit war die Geschichte noch lange nicht zu Ende: Letztes Jahr gesellten sich sogar ein Nashorn und ein Nilpferd zu den Kellertieren. Das brachte das Fass zum Überlaufen.

Entsprungen war das Mäusepaar 2009 dem Atelier des Winterthurer Künstlers Peter Gut. Mit den beiden degustierenden Mäusen wollten wir ein jüngeres, urbanes Publikum auf die Offenen Weinkeller aufmerksam machen. Doch der neue Werbeauftritt stiess bei den Winzern nicht auf grosse Begeisterung. Mäuse seien ein Frauen­schreck und hätten nichts in einem sauberen Weinkeller zu suchen, monierte man.

Eingeschüchtert vom lautstarken Protest warteten wir fast etwas ängstlich ab, ob die possier­lichen Tierchen tatsächlich so grosse Furcht einzulössen imstande waren, um die Weinfreunde vom Besuch der Offenen Weinkeller abzuhalten. Aber siehe da, es kam ganz anders: Jung und Alt strömten in Scharen herbei und waren begeistert von der witzigen Werbeidee. Nicht wenige wollten sogar ein Plakat kaufen.
Trotzdem: Ordnung musste sein. Also schickten wir 2010 die Katze los, um mit den Mäusen aufzuräumen. Ob die Mieze ihre P?icht erfüllen würde, war allerdings unsicher. Die Wein?asche schien sie so stark zu interessieren, dass sich die Mäuse in Sicherheit bringen konnten. Doch das störte plötzlich niemand mehr, denn die Kellerkatze fanden alle sehr sympathisch.

Auch die sympathischste Katze muss aber wissen, was ihre Aufgabe ist. Also schickten wir 2011 den Hund zu KatzMaus, um Mieze Katz Mores zu lehren. Schon bald kamen uns allerdings Zweifel, ob er das schaffen würde. Das verliebte Zirkushündchen mit dem Glas auf dem Kopf schien der Katze den Hof zu machen, doch diese liess sich, müde wie sie war, nicht im Geringsten beeindrucken.

Vielleicht war die Katze vom Mäusejagen so müde. Vielleicht hatte sie auch etwas zu tief ins Glas geguckt, was sich für eine anständige Katze natürlich nicht gehört. Vielleicht hatte sie aber einfach zu lange getanzt zwischen den Fässern im Keller. Denn vergangene Nacht hatte man Walpurgisnacht gefeiert. Da war der Teufel los gewesen mit all dem Hexenpack auf seinen Besen.

Wie die Krähe 2012 zu HundKatzMaus im Keller stiess, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir hoffen aber nicht, dass sie jemand losgeschickt hatte, um dem zwar charmanten, aber etwas nachlässigen Hündchen die Augen auszupicken. Vielmehr scheinen uns Krähen grosse Weinliebhaber zu sein, wie man bei Wilhelm Busch nachlesen kann. Tatsächlich hielt die Krähe ja einen Korken im Schnabel.

Und dann wurde Krähhahnen gefeiert bis zum frühen Morgen. Die Flasche war offen, es konnte probiert werden. Dem Hündchen war vor lauter Aufregung das Glas vom Kopf gefallen. Die Katze, die ein Jahr lang geschlafen hatte, reckte und streckte sich voller Erwartung. Die Mäuse aber, die jeden Respekt verloren haben, kugelten sich beim Anblick des entblössten Hinterteils der Katze vor lauter Lachen am Boden.

2013 kam Meister Reineke zu KrähHundKatzMaus. Die Krähe liess den Korken aus dem Schabel fallen und flüchtete mit den Mäusen auf ein Fass. Die Katze fauchte halb aus Furcht, halb aus Zorn den vedutzten Hund an, der für sie an allem schuld war. Dabei weiss man seit Äsop, dass die Krähe auf den schmeichlerischen Fuchs hereingefallen war und für diesen ein Lied angestimmt hatte.
2014 gesellte Peter Gut auf Wunsch unserer Kellertierfreunde einen Dachs zu FuchsKrähHundKatzMaus. Aber er konnte es nicht lassen und malte gleich auch noch ein furchterregendes Krokodil dazu, in dessen weit aufgesperrten Rachen (fast) alle unsere Tiere brav wie Lämmer hineintrotteten. Nur die Mäuse und die Krähe blieben draussen bei der leeren Weinflasche.
Und was für einen lautstarken Auftritt boten unsere überlebenden Kellertiere 2015! Die Mäuse holten ein Schwyzerörgeli und eine Bassgeige hervor, woher wussten wir nicht. Ebenso sehr konnten wir nur darüber rätseln, woher der Hut und der Schal der Krähe kamen. Klar war nur, dass die drei grossen Spass am Musizieren hatten. Selbst der Käse und die Trauben auf dem Tisch interessierten sie nicht mehr.

Erst viel später wussten wir, dass Krähmaus ihren Sieg über den eidgenössischen Amtsschimmel feierten, der den Kellertieren den Kampf angesagt hatte und sie von allen Postkarten, Guides, Plakaten und Webseiten vertreiben wollte. Zum Glück liessen sie die Weinbauern, denen die seltsamen Wesen in ihren Kellern inzwischen auch ans Herz gewachsen waren, aber nicht verhungern oder gar verdursten …

Und so ging die unglaubliche Erfolgsstory der kultigen Kellertiere auch 2016 weiter. Doch was war mit DachsFuchsHundKatz passiert? Wurden die mit Haut und Haaren gefressen? Wir waren uns nie so sicher: Schliesslich hatte das Krokodil Glühbirnen statt Zähne. Vielleicht war das ja nur der Eingang der Bar «Zum lustigen Krokodil», wo es Abend für Abend hoch zu und her geht.

Unsere Vermutung bestätigte sich: Bei einem Besuch im Innern des Krokodils trafen wir auf HundKatz, die an der Bar bei einem Glas Wein heftig miteinander flirteten. Offensichtlich hatten die Avancen des schüchternen Hündchens bei Mieze Katz doch gefruchtet. Jedenfalls schienen die beiden so verliebt zu sein, dass sie nicht einmal mehr die frechen Mäuse auf ihren Schultern bemerkten.
as verliebte Paar flirtete auch 2017 weiter. Uns aber beschäftigte das Schicksal von DachsFuchs. Vielleicht wussten die Mäuse mehr, denn die haben ihre vorwitzige Nase immer zuvorderst. Also verliessen wir das «Lustige Krokodil» mit Micky und Minnie, die zwar kurzsichtig sind, aber dafür umso besser riechen. Doch auch sie konnten in der Dunkelheit des Kellers keine Spur von DachsFuchs ausmachen.

Uns blieb nichts anderes übrig, als über die steile Kellertreppe ins gleissende Licht der Maiensonne emporzusteigen. Und wen entdeckten wir hier inmitten der Gäste unseres Besenbeizwinzers? Zwei Herren aus fernen Ländern (oder dem nahen Zoo) mit riesigen Nasen, die bei einem noch mit Hörnern verziert war. Elegant hielten sie ihre Gläser in den Hufen und beurteilten fachmännisch Farbe und Geruch des Weins, während zwei freche Spatzen die herab­­ge­fallenen Brot­krumen aufpickten.

Natürlich fragten wir uns, was um alles in der Welt die gewichtigen Grauen hierher geführt hatte. Immigranten konnten die beiden trotz ihrer offensichtlich afrikanischen Herkunft jedenfalls nicht sein, denn dafür waren die Herren viel zu schick gekleidet. Eher handelte es sich um wohlhabende Weinhändler aus London, die das Master-of-Wine-Diplom in der Tasche hatten und auf ihrer Einkaufstour quer durch Europa gerade die hervorragenden Deutschschweizer Weine entdeckten …

Doch das gefiel nun vielen unserer Winzer gar nicht mehr: «Für die Kellermaus hatten wir noch Verständnis, für die Waldtiere schon weniger, aber für exotische Tiere erst recht nicht. Exotische Tiere, um für ein Schweizer Produkt zu werben, geht für uns gar nicht!», meinte einer. Ein anderer doppelte nach: «Die Zeichnung mit den beiden alten Tieren war diesmal nicht sehr gelungen. Unser Zielpublikum sind nicht unbedingt ältere, dickliche Herren, bei denen man das Gefühl hat, sie würden zu tief ins Glas schauen.»

Und ein dritter Winzer fragte ziemlich resigniert: «Haltet ihr an dem Künstler fest? … Exotische Kellertiere für einheimischen Wein … schwieriger Link! Kitsch? Diese Art von Werbung wird je länger, je weniger unserer seriösen und guten Arbeit gerecht. Schade, wirklich, denn schliesslich war vor drei Jahren mit dem Krokodil angeblich Schluss damit. Es wäre aus meiner Sicht eine Umfrage angebracht: Wer will diese Art von Werbung weiterhin wirklich (noch)?»
Keine Angst, meine Herren Winzer, nach zehn Jahren beenden wir das grausame Spiel und verjagen die unerwünschten Tiere aus Ihren Kellern. Nashorn und Nilpferd bringen wir in den Zoo, und wenn sie dort auch keiner will, setzen wir sie halt einfach in Ausschaffungshaft. DachsFuchs haben schon vor Längerem das Weite gesucht, weil ihnen die Nähe der Menschen nicht ganz geheuer ist. Bleiben nur noch unsere Publikumslieblinge KrähHundKatzMaus, die (fast) ganz normale Haustiere sind.

Und hier bitten wir Sie, liebe Winzer, dieses Jahr noch um ein klein wenig Toleranz: Mieze Katz und Hündchen Prinz haben nämlich etwas zu feiern, und das würden sie gerne in Ihrem Weinkeller oder Rebberg tun. Sie wissen nicht, wovon die Rede ist? Aber das hat doch der «Ami du Vin» in seiner Ausgabe 1/18 längst ausgeplaudert: «Mieze und der Prinz haben scheinbar einen Entschluss gefasst. Sorgsam degustiert er den Wein, den ihm die Mäuse und Sommelier Krähe präsentieren. Ernst blickt uns Mieze an. Ob wohl ein Fest ausgerichtet werden soll? Etwa gar die Hochzeit mit dem Prinzen? Das wäre schon fast märchenhaft?...»

Und wenn das Fest vorbei ist, die Weingläser ausgetrunken, die Teller leer gegessen und die Festbänke weggeräumt sind, wie geht dann unsere Geschichte weiter? Nun, HundKatz haben die Schnauze voll vom Kellerleben und quartieren sich in der Stube des Winzers ein, wo das Leben viel komfortabler ist. Die Krähe fliegt auf das Dach des Hauses zurück und erzählt ihren Genossinnen von all den köstlichen Weinen, die sie probiert hat. Einzig unsere Mäuse haben sich wieder im Weinkeller versteckt, obwohl sie doch dort eigentlich nichts zu suchen hätten?…

«Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine grosse grosse Pelzkappe daraus machen.» (Brüder Grimm)


Andreas Keller

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Peter Gut wurde 1959 in Zürich geboren und lebt heute in Winterthur. Als einer der bekanntesten Zeichner und Karikaturisten der Schweiz arbeitet er regelmässig für die «Neue Zürcher Zeitung», die «Bilanz» und «Die Zeit». Daneben gestaltet er Buchumschläge und illustriert Bilderbücher für Kinder und Erwachsene. Für die Offenen Weinkeller Deutschschweiz malt er seit 2009 Bilder, die dann auf Postkarten, Broschüren und Plakaten Verwendung finden. Mit dem Wein verbindet ihn viel. Er hat schon Weinetiketten gestaltet, in Weinkellern ausgestellt und trinkt gerne ein gutes Glas.